Vince

aus der Zeitschrift „Am Erker“, 1000 Zeichen, Sommer 2015, Nr.69

Vince

Eine Weile stellte sich Vince vor, sie käme herein und sähe ihn am Tisch sitzen. Sie würde sich ihm nicht gleich zuwenden, ihr Blick ginge im Raum umher, neugierig, aber nicht suchend. Er müsste so tun, als sähe er sie nicht, vertieft in der „Traumdeutung“ weiterlesen.

Die Sätze der „Traumdeutung“ sind ziemlich lang und erfordern hohe Konzentration. Einen Satz wollte er sich noch vornehmen. Wenn er den Satz zu Ende gelesen hätte, würde er ihn sich auf der Zunge zergehen lassen. Dann könnte er aufsehen.

Sie würde immer noch dort stehen und mit ihren ziellosen Augen hinter ihrer kleinen Brille herumschauen. Sie weiß, dass sie einfach so dastehen kann, zwischen Eingang und Tresen, niemand nimmt Anstoß daran. Es wird hier nie eine Tür zugemacht, der Eingang ist offen, so lange die Uni offen ist.

Aber nicht nur weil sich nie jemand um irgendwas kümmert in diesem Raum, kann sie da stehen, so lange sie will. Vince fällt niemand ein, der sich das erlauben würde. Stehen und alle ansehen. Minutenlang. Vielleicht ist es ja, weil sie kurzsichtig ist, dachte Vince und grinste über seiner „Traumdeutung“.

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