Knarz

(Veröffentlicht in: „Am Erker“, Nr. 74, 2017)

Hoffmann starb, bevor er fünfzig wurde – aber der Knarz lebt immer noch.

  Ich sitze bei ihm auf einer Holzbank unter akkurat stehenden niedrigen Bäumen, die irgendjemand hier auf dem Gendarmenmarkt in Reih und Glied angepflanzt hat.

  Die verdammten Zwergahörner, ruft der Knarz, dieser Biedermeierblödsinn, die versnobten Edelschuppen rund ums Königliche Schauspielhaus!

  Miau, sagt die Katze auf der Rückenlehne hinter ihm und scheint ihm recht zu geben.

  Ich hatte den Knarz erst vor einer halben Stunde bei einer Veranstaltung der Akademie der Wissenschaften in der Jägerstraße getroffen. Es wurden Ouvertüren, Bühnenmusiken und Lieder von E. T. A. Hoffmann gegeben, und danach am Stehtisch fiel mir der alte Mann in seinem grünen Anorak in einer Fensternische auf, wo er Selbstgespräche zu führen schien. Eine Katze strich um seine Beine, und nicht nur ich glaubte in dem Moment, das Tier gehöre zum Haus.

  Danach auf der Straße folgte uns die Katze so dicht, dass man sie im Dunkeln für einen Hund halten konnte.

  Ich suchte keineswegs die Gesellschaft des Knarz, wir hatten nur zufällig ein Stück gemeinsamen Weg. Ich hatte beobachtet, wie ungeniert und gierig er am Büffet zugegriffen hatte, sich die Häppchen eins nach dem anderen in den Mund schob und mehrere Gläser Rotwein in sich hinein schüttete. Eine Frau an meinem Tisch nannte ihn „Knarz“ – eine freundliche Alternative für mögliche hässlichere Bezeichnungen, die das ungepflegte Äußere und die Ausstrahlung von Einsamkeit, die den Mann umgab, in eine drollige Vokabel verwandelte.

  Erst als wir auf der Bank saßen, wurde mir klar, dass die Katze dem Knarz gehörte und er sie erzogen hatte sich bei Empfängen in Akademien und anderen ‚hohen Häusern’ unauffällig zu benehmen.

  Plötzlich drückte mir der Knarz ein Sektglas in die Hand und goss mir fröhlich lächelnd ein. Auf dem Etikett der Flasche las ich ‚Lutter und Wegner’. Erst als ich einen Schluck vom kühl perlenden Sekt genommen hatte, fiel mir der große Koffer auf, der hinter der Bank an einen Baumstamm gekettet war, ein massiver schwarzer Reisekoffer, aus dem der Knarz Gläser und Flasche geholt hatte.

  Sagen Sie mal, sind Sie ein Zauberer?

  Er schenkte mir nach und lachte laut meckernd auf, dass die Katze hinter ihm auf der Lehne ein strenges Gesicht machte und ihm mit der Pfote auf den Rücken schlug. Er griff sie sich mit einer Hand und setzte sie mir auf den Schoß.

  Zauberer? Bloß weil ich es uns hier gemütlich mache?

  Na, der Sekt schmeckt jedenfalls ausgezeichnet, sagte ich verlegen, vorbildlich gekühlt.

  Der Knarz nippte nur an seinem Glas.

  Er prüfte mich lange mit stechenden Augen unter hochgezogenen Brauen, die Welt begann sich vor meinem Blick zu drehen.

  Irgendetwas stimmt …, lallte ich.

  Ja, irgendetwas stimmt nicht, ergänzte der Knarz und verschloss seinen Koffer, manchmal kriegen wir zuviel, und manchmal kriegen wir zu wenig, was, meine kleine Chiara?

  Er kraulte die Katze ein wenig zu heftig am Kopf, sie fauchte leise.

  Hiergeblieben! rief er, als ich aufstehen wollte, noch ein Schlückchen?

  Ich schüttelte den Kopf und versuchte vergeblich aufzustehen, ich kam nicht von der Bank hoch, die Katze auf meinem Schoß schien ziemlich schwer zu sein. Bevor mir das Glas aus der Hand fiel, griff der Knarz danach und verstaute es mit den übrigen Utensilien in seinem Koffer.

  Mein Herz raste, aber gleichzeitig beruhigte es mich, dass der Knarz mit seiner Katze sprach. Flink knöpfte er mein Jackett auf und zog aus der Innentasche mein Portemonnaie.

  Nicht alles! fauchte die Katze.

  Ich weiß, ich weiß, murmelte er ärgerlich, nur einen Kulturgroschen, ein paar Flori, ein blitzender Taler, nicht wahr, du kleine Klugscheißerin? Er nahm zwei Scheine heraus, steckte die Geldbörse zurück in mein Sakko und band den Koffer vom Stamm los.

  Ich versuchte ruhig zu atmen, aber es blieb ein Japsen und Schnaufen.

  Chiara saß reglos neben mir und blickte mich an. Ich blinzelte ihr zu, ihr Anblick, ihr runder Rücken, die kleidsamen Streifen ihres Fells, die langen blitzenden Schnurrhaare rührten mich. Ich vertraute ihr, vielleicht mehr als ich in diesem Moment durfte, sie war die Sklavin des Knarz, der sie für seine Zwecke missbrauchte.

  Ich sah die fetten Schminke im Gesicht des hässlichen Knarz, als er sich zu mir hinunter beugte.

  Hast Glück gehabt, Schätzchen. Du riechst gut, Chiara mag dich!

  Was ich von dir – , stieß ich heftig hervor und versuchte ihn mit den Armen abzuwehren.

  Chiaras Augen sprachen, klagten, litten, ich konnte Chiaras Trostworte hören, und in dem Moment liebte ich sie, ich wollte sie retten, während der Knarz meine Schuhe auszog. Sie saß auf der Rücklehne vor dem Mond, die schöne Chiara, und wartete darauf, dass ich zu Kräften kam.

  Später war sie fort, ich lag auf der Bank und sah mit müden Augen in den Nachthimmel. Ich suchte den ganzen Himmel nach Chiaras Sternbild ab. Endlich fand ich es, es hatte sich einen Moment lang hinter der Spitze des Schauspielhauses versteckt, doch jetzt strahlte es hell im Haus Kreisleriana direkt über mir.