Der Strick

Kurzgeschichte aus der Anthologie „Das auffallend unauffällige Leben der Haushälterin Hannelore Keyn in der Villa Grassimo zu Wewelsfleth. Geistergeschichten“, Verbrecherverlag, Berlin, 2016, S. 74

 

Der Strick

Als ich an einem nasskalten Apriltag im Döblinhaus ankam, begrüßte mich ein Graf. Graf von Flotow, der in seinem Schriftstellerleben einen bürgerlichen Namen trägt, wahrte an diesem Abend die romantische Tradition und sagte, es würde im Fachwerkhaus spuken. Nach einigen nebulösen Andeutungen seinerseits und verdutzten Nachfragen meinerseits beschrieb er eine Begegnung mit einem hexenähnlichen weiblichen Wesen, das nachts an seiner Schlafzimmertür „gelehnt“ und ihn durch sein „Herschauen“ geweckt habe. Sein Hund sei auch wach geworden und habe den Geist heftig angebellt. Ich zog in die zuvor vom Grafen bewohnte Dachwohnung, wo ich nachts des Öfteren von unerwarteten Geräuschen geweckt wurde. Mal war es lautes Sirenengeheul, mal heftige Kratzgeräusche aus dem Hohlraum zwischen Wand und Dachboden, mal jämmerliches Quieken von Schweinen, die in den Morgenstunden auf einem Lastwagen zum Schlachthaus gefahren wurden. Frau Keyn war es, die mit ihrer robusten Bodenständigkeit allen Spuk vertrieb; sie war die sichere Bastion, der gute Geist des Ortes. Wir trafen uns jeden Mittag in der Küche zum gemütlichen Plausch. Durch ihre Gegenwart strömte ein nordisch klares Licht in das morsche Domizil. Ich erzählte Frau Keyn eine neue Spukgeschichte, die sich gerade in der Nacht zuvor ereignet hatte: Gegen halb zwei hatte sich das alte Transistorradio, das immer in der Küche stand, von selbst eingeschaltet und mit lauter Schlagermusik alle Bewohner geweckt. Frau Keyn lachte und wies ihrerseits mit ernster Miene auf die Rattenplage hin, die dem alten Haus zusetzte. Sie legte ihren Besen zur Seite und bat mich ihr zu folgen. Forsch erklomm sie die knarrende Treppe und ging auf eine Kammertür zu, die ich noch nicht bemerkt hatte. Knapper als gewohnt formulierte sie ihr Anliegen: „Mach mal auf!“ Sie gab mir einen Schlüssel, mit dem ich die Tür problemlos öffnen konnte. Ich schaute in eine Abstellkammer, in der sich auf staubigen Tischen und Bänken ausrangiertes Werkzeug und Gerümpel stapelte. Frau Keyn, die neben mir stand und schneller atmete als sonst, sagte leise: „Siehst du es?“ „Was denn?“ „Das Ding.“ Ich streckte den Kopf hinein. „Hinten, am Balken“, fügte sie hinzu. Ich bemerkte, dass sich die Kammer tiefer erstreckte, als ich zunächst geglaubt hatte. Das Tageslicht schien durch eine Luke und beleuchtete einen Dachbalken im Hintergrund. Dort sah ich, was Frau Keyn so zuwider war, dass sie es mit ihren Augen nicht einmal streifen konnte. Am Balken hing ein Strick, der zu einer Schlinge geknotet war. „Ach das da“, sagte ich, „das ist doch bloß ne alte Schnur.“ „O Gott“, rief Frau Keyn und griff sich an die Brust, „er ist noch da! Gib mir schnell das Rattengift aus der Ecke und dann schließ wieder ab.“ In der Küche fragte ich sie, was das zu bedeuten habe und warum „das Ding“ dort hänge. Sie murmelte mit immer noch bleichem Gesicht: „Ich will nichts mutmaßen. Aber da hat sich mal eine … ne, ich weiß von nix.“ Ich fand, der Strick in der Kammer setzte der gespenstischen Atmosphäre doch eine gewisse Festigkeit entgegen. Doch für Frau Keyn war er wie ein schwarzes Loch im Dichteruniversum. Ich hoffe, dass sie ein pfiffiger Stipendiat später mit einem Schnitt seines Taschenmessers davon befreit hat.

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